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Takiwātanga – in der eigenen Zeit und im eigenen Raum

borowsky3
22. Sept.
3 Min. Lesezeit

Was wäre, wenn wir Autismus nicht zuerst danach beschreiben würden, was ein Mensch anders macht – sondern danach, was dieser Mensch braucht, um auf seine eigene Weise in der Welt sein zu können?

Autismus-Spektrum-Störung.So lautet noch immer eine verbreitete medizinische Bezeichnung im Deutschen. Und wie schon bei der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung steckt auch hier ein Wort darin, das unseren Blick unmittelbar beeinflussen kann:

Störung.Etwas weicht ab.Etwas funktioniert anders als erwartet.Etwas scheint nicht in die vorgesehene Ordnung zu passen.Doch in Te Reo Māori, der Sprache der Māori in Aotearoa Neuseeland, wurde ein Begriff für Autismus geschaffen, der einen ganz anderen Ausgangspunkt wählt:

Takiwātanga

Der Begriff lässt sich sinngemäß übersetzen als:„In der eigenen Zeit und im eigenen Raum.“

Und vielleicht liegt gerade in diesen wenigen Worten eine wunderschöne Einladung:Einen Menschen nicht ständig an unserer eigenen Geschwindigkeit, unseren Erwartungen oder unserer Vorstellung von „normal“ zu messen.Sondern ihm die Möglichkeit zu geben, in seinem eigenen Rhythmus zu sein.

Woher kommt Takiwātanga?

Takiwātanga ist kein traditionelles Māori-Wort, das schon seit Jahrhunderten Autismus bezeichnet.Der Begriff wurde von dem Māori-Sprach- und Kulturwissenschaftler Keri Opai im Rahmen des Projektes Te Reo Hāpai – The Language of Enrichment entwickelt.Für viele Begriffe aus den Bereichen psychische Gesundheit, Neurodivergenz und Behinderung existierten zuvor keine entsprechenden Begriffe in Te Reo Māori.Doch Opai wollte nicht einfach westliche medizinische Bezeichnungen Wort für Wort übersetzen.

Die Sprache sollte Menschen nicht auf ein Defizit reduzieren.Sie sollte ihre Würde – ihr mana – bewahren.

Für die Entwicklung von Takiwātanga sprach Opai unter anderem mit autistischen Menschen und bezog auch seine jahrzehntelange Freundschaft mit einem autistischen Menschen in seine Überlegungen ein.

 

Dabei fiel ihm etwas auf:Menschen können ihren ganz eigenen Rhythmus, ihr eigenes Tempo und ihre eigene Art haben, sich durch die Welt zu bewegen.

Aus diesem Gedanken entstand Takiwātanga.Die eigene Zeit.Der eigene Raum.Der eigene Rhythmus.

Was, wenn „anders“ nicht automatisch „falsch“ bedeutet?

Unsere Gesellschaft funktioniert häufig nach unausgesprochenen Regeln.

Wie lange sollte Blickkontakt dauern?

Wie führt man ein Gespräch?

Welche Geräusche sollte man problemlos aushalten können?

Wie zeigt man Interesse?

Wann ist es angemessen zu sprechen?

Wie flexibel sollte man auf Veränderungen reagieren können?

Und wie viel Rückzug ist eigentlich „normal“?

Für viele Menschen funktionieren diese Regeln scheinbar selbstverständlich.

Für einen autistischen Menschen kann dieselbe Umgebung jedoch vollkommen anders erlebt werden.

Geräusche können intensiver sein. Veränderungen können mehr Energie kosten. Soziale Situationen können anders verarbeitet werden. Kommunikation kann anderen Mustern folgen. Interessen können außergewöhnlich intensiv werden und der Bedarf nach Struktur oder Rückzug kann größer sein.Das bedeutet nicht, dass jeder autistische Mensch die Welt gleich erlebt.

Im Gegenteil:

Autismus ist individuell.

Gerade deshalb gefällt mir der Gedanke hinter Takiwātanga so sehr.Er versucht nicht, jeden Menschen in dieselbe Vorstellung von Normalität hineinzudrängen.Er lässt Raum.

 

 

„Du bist in deiner eigenen Zeit und deinem eigenen Raum.“

Stell dir einmal vor, welche Wirkung unterschiedliche Worte auf einen Menschen haben können.

„Du hast eine Störung.“

Oder:

„Du erlebst die Welt in deinem eigenen Rhythmus.“

Natürlich verschwinden durch eine andere Formulierung keine Schwierigkeiten.

Autistische Menschen können in ihrem Alltag erhebliche Barrieren und Unterstützungsbedarfe erleben. Reizüberflutung, Kommunikation, soziale Anforderungen, Veränderungen, exekutive Funktionen oder eine Umwelt, die nicht auf die eigenen Bedürfnisse ausgerichtet ist, können sehr belastend sein.

Diese Realität sollten wir nicht romantisieren.

Takiwātanga bedeutet deshalb nicht:

„Autismus ist immer etwas Positives.“

Es bedeutet auch nicht, notwendige Unterstützung kleinzureden.Vielleicht lädt uns der Begriff vielmehr dazu ein, eine andere Frage zu stellen.

Nicht ausschließlich:

„Wie bringen wir diesen Menschen dazu, sich unserer Welt anzupassen?“

Sondern auch:

„Wie können wir die Welt so gestalten, dass dieser Mensch darin auf seine Weise sein darf?“

 

 

 

 

 

 

 

Quellen & weiterführende Informationen

Opai, K. (2022): Words have great power: Creating Māori concepts of disability. Developmental Medicine & Child Neurology, 64(10), 1182. DOI: 10.1111/dmcn.15266.

Te Pou: Te Reo Hāpai – Māori language. Informationen zur Entstehung des Māori-Glossars für psychische Gesundheit, Abhängigkeit und Behinderung und zur Entwicklung des Begriffes Takiwātanga.

Altogether Autism: A time and space for Takiwātanga. Beitrag von Keri Opai über die Entstehung und Bedeutung des Begriffes.

Altogether Autism: Takiwātanga. Informationen zur heutigen Verwendung des Begriffes und zu einer stärkenorientierten Perspektive auf Autismus.

Te Tau Tītoki: Māori-geprägtes Autism Framework für Aotearoa Neuseeland mit Takiwātanga als zentralem Konzept.

 

 
 
 

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